Quelle: „Stadt und Land –Heimat-Nachrichten“ erschienen am    Donnerstag, 28. Februar 1963 Stolberger Nachrichten Wo sich einst die Jugend traf Die Eichsdelle ist für die Vichter ein Stück Dorfgeschichte Erinnerungen eines Heimatdichters Vicht. - Die Eichsdelle ist eine Ortsbezeichnung ohne geschichtliche Bedeutung. Im Wandel von zwei Generationen hat aber der Name jenen tiefen inneren Klang gefunden, der ein Stück Heimatgeschichte beinhaltet. Schnurgerade zieht die Eichsdelle bergwärts, um sich auf der Höhe in einer öden Heidelandschaft zu verlieren. Eng eingebettet in den beiderseitigen Berghängen, die mit hohen Kiefern bewachsen sind, ist sie schweigendes Land geworden. Die alten Leute, die längst das Zeitliche gesegnet haben, behaupteten immer wieder, die Eichsdelle wäre eine alte Rückzugsstraße Napoleons im Jahre 1813 gewesen. Der Korse hätte auf der anderen Seite des Dorfes - auf dem Kleinen Kranzberg - einmal sein Lager aufgeschlagen, an einer Stelle, die noch heute der „Napoleonsgraben“ genannt wird. Diese Behauptung entbehrt jedoch jeder geschichtlichen Unterlage. In den Augen der Vichter aber schmälert auch das nicht das Ansehen und die Bedeutung ihrer Eichsdelle. Der Vichtbach scheidet hier als natürliche Grenze den Ort Vicht in der Gemeinde Gressenich* von der Gemeinde Korneli- münster. Die Eichsdelle gehört also zu Kornelimünster* . Umso höher ist das Verdienst des verstorbenen Pfarrers Rumpen zu werten, der in der Eichsdelle im Jahre 1926 von der Gemeinde Kornelimünster zur Anlage eines Friedhofes ein großes Geländestück für die Kirche erworben hat. Er schuf den Waldfriedhof mit der ausdrücklichen Bestimmung, dass keine Denkmäler und keine Steintafeln aufgestellt werden dürfen, um den Charakter eines Waldfriedhofes zu wahren. (*Anmerkung: bis zur Gebietsreform 1972) Eichsdelle, Tal des Friedens Wanderer, wenn deine hohl klingenden Schritte die Holzbrücke über den Vichtbach verlassen, dann lass an deinem geistigen Auge noch einmal die letzten vier Jahrzehnte vorübergehen. Vom linken Berghang mahnen dich hunderte Kreuze an das Vergängliche. An der rechten Seite steht, von Bäumen fast verdeckt, das Haus Kettenus, als wolle es wie ein Pförtnerhaus den Eingang zu dieser Stätte des Friedens bewachen. Wanderer verweile, so möchte es dir zurufen: Ich sah, wie sie alle dort hinauf getragen wurden. Dort oben endet die Straße ihres Lebens. Ein schlichtes Holzkreuz ist ihr letzter Meilenstein. Vielleicht werde ich auch dir einen stummen Gruß mitgeben können, wenn du dort oben an diesem letzten Meilenstein stehst, um die Brücke zu betreten, die hinüberführt in das wesenlose Geisterreich. Eichsdelle, Tal der Lieder Vier Jahrzehnte haben das Gesicht der Eichsdelle verändert. Früher war es anders. Unbeschwert im Übermaß glücklicher Tage verbrachte hier die Jugend ihre Freizeit. Wenn die Sonne goldene Lichtreflexe durch die schlanken Stämme zauberte, wenn das leise Rauschen des Windes durch ihre Kronen strich, oder flimmernde Glut im Talgrund stand, dann klangen stets frohe Lieder aus jugendlichen Kehlen bis ins Dorf. Während die Mädchen Blumenkränze banden, tollten die Jungen übermütig zwischen den hohen Kiefern. - Die Eichsdelle war ihr Kinderparadies. Selbst als sie älter geworden waren und ihre jungen Herzen sich in Liebe gefunden hatten, blieb die Eichsdelle das Ziel stiller Geborgenheit. Eng aneinander geschmiegt saßen sie im blühenden Ginster oder in der rotbraunen Heide am Waldrand, schauten hinab ins Dorf und empfanden diesen Flecken Erde als ein Gottesgeschenk. So kam es, dass sie der Eichsdelle ihre Sehnsucht schenkten, der ihr Herz bereits gehörte. Die Eichsdelle, das Tal der Lieder und der übermütigen Spiele, das Tal der Sehnsucht und der Liebe. Nur der Herbst sprach ein gebietendes Halt, wenn seine Stürme durch den Talgrund heulten und die schlanken Stämme an den Hängen stöhnend hin und her fegten, wenn die grauen Nebel wie mächtige Fahnen im Tal hochstiegen und die Sturmvögel krächzend über die Bergkuppen jagten. Dann war es still in der Eichsdelle. Eichsdelle, Tal der Winterfreuden Kam aber der Winter und bedeckte das kleine Rinnsal, das im Sommer kaum den Vichtbach erreichte, die Talsohle mit einer Eisschicht, dann wurde die Eichsdelle für die Jugend, aber auch für die Heranwachsenden, zu einem wahren Sportparadies. Nicht, dass die Eisschicht eine spiegelglatte Fläche gewesen wäre. Nein, das kleine Gewässer, das sich mühte, den Vichtbach zu erreichen, gefror unterwegs und bildete so eine Eisbahn, holprig und voller Tücken. Das war es auch, was sie so beliebt machte. Wer das Glück hatte, einen wohlgeformten Rodelschlitten zu besitzen, fuhr auf einer verkürzten Fahrbahn aus Angst, sein schönes Fahrzeug könnte in die Brüche gehen. Diejenigen aber, und das waren die meisten, die auf selbstgebauten Holzschlitten - auch die „Brack“ genannt - zu Tal donnerten, scheuten eine Bruchlandung nicht. Stets waren Hämmer und Nägel zur Stelle und nach gelungener Reparatur ging die Fahrt weiter. Wehe denen, die ohne Schlittschuhe als Führung oder ohne Bremser fuhren. Ihre Fahrt endete unweigerlich im Bach. Ich war einmal dabei, als wir mit zwölf Jungen auf einem mächtigen selbstgebauten Schlitten die Talfahrt wagten. Sei es, dass wir zu wenige Schlittschuhe hatten, sei es, dass die Fahrt durch die große Belastung zu sehr beschleunigt wurde; an ein Bremsen war nicht mehr zu denken. Nur mit großer Mühe gelang es uns, den Schlitten auf die enge Bahn zu halten. So sauste die ganze Besatzung bis mitten in den Bach. Völlig durchnässt mussten wir schleunigst den Heimweg antreten. Nicht selten sah man den einen oder anderen mit schmerzverzerrtem Gesicht, humpelnd  den Heimweg antreten. Andere wieder hielten mit beiden Händen den Hosenboden fest, um den mächtigen Riss zu verdecken, den ein Nagel oder ein Holzsplitter bei der Bruchlandung verursachte. Oder es machte sich einer auf den Heimweg, der in der einen Hand die Schlittschuhe trug und in der anderen einen abgerissenen Absatz. Nichts von alledem aber konnte davon abhalten, am anderen Tag die Fahrt wieder aufzunehmen, Eichsdelle, Tal der Besinnlichkeit Eichsdelle, Tal der Besinnlichkeit. - Wochenlang arbeiteten die Mitglieder des Theatervereins an der Gestaltung einer Freilichtbühne. Abend für Abend waren Hammer und Säge, Hacke und Schaufel in ihren Händen, Werkzeuge kultureller Schöpfung. Beim Kreuzel im Tannengrund - die Aufführung des dramatischen Werkes lohnte die Mühe der Arbeit mit einer vielhundertköpfigen Besucherzahl. War es nicht eine schicksalhafte Bedeutung, dass dieses Kreuzel im Tannengrund hinübergrüßte zum Hang, an dem zwei Jahre später sich Kreuzlein an Kreuzlein reihen würde? Wanderer, du stehst ja immer noch an der Brücke mit den schweren Holzbohlen! Vier Jahrzehnte waren es, die an deinem geistigen Auge vorüber gezogen sind. Verstummt sind die frohen Lieder aus jugendlichen Kehlen. Kein Indianer-Schlachtruf kommt mehr aus dem Munde der Jungen, die am Berghang ihre frohen Spiele getrieben. Kein Wort von Liebe und Sehnsucht geht mehr wie ein Raunen durch den blühenden Ginster oder durch die rotbraune Heide. Kein Hammerschlag einer werdenden Freilichtbühne findet mehr Widerhall an den Berghängen. Kein selbstgebauter Holzschlitten donnert mehr im Winter über das holprige Eis zu Tal. Eichsdelle, Tal der Tränen Es ist in der Eichsdelle still geworden. Nur von Zeit zu Zeit erfüllen die Gebete trauernder Menschen das Tal, wenn wieder einer zu Grabe getragen wird. Siehst du Wanderer, die Eichsdelle hat viele in ihren kühlen Schoß genommen, von deren Lippen kaum die jugendlichen Lieder verklungen. Frag jene, denen das Leben den Krückstock des Alters in die Hand gedrückt hat. Sie werden dir sagen: Tief in unserem gläubigen Herzen trugen wir immer jene große Sehnsucht, die nie das Irdische zu stillen vermag. Unheimlich schnell durcheilte die Hoffnung das Zeitmaß unserer Tage. Jetzt spannen unsere Gedanken in schlaflosen Nächten einen Bogen von Berg zu Berg und weilen in diesem Tal, weil es Heimaterde ist, auf der wir geboren; Heimaterde, die uns zurücknimmt. Nun gehe zurück Wanderer. Nimm Abschied von den stummen Zeugen am Berghang, die dich an das Vergängliche mahnen. Gehe weiter den Weg deines Lebens, bis auch dich die Eichsdelle ruft, um dir in ihrem Schoß die Ruhe und den Frieden zu geben – die Eichsdelle, das Tal der Tränen. Jupp Grooz, Vicht
-Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Familien Franz und Kurt Grooz-

Eichsdelle auf einer größeren Karte anzeigen
weiter zur Hubertusklause > weiter zur Hubertusklause > zurück zurück